Grün steh ich da, umgeben von grün.
Lange habe ich gebraucht um so gross und so schön grün zu werden. Viele meiner Artgenossen wurden über die Jahre bereits geschnitten, nicht jedoch ich. Wir Tannenbäume unterscheiden uns von anderen Bäumen im Wald. Wir sind stolz darauf, dass wir Tannenbäume sind.
Wir sind edel. Die Menschheit hat unsere Schönheit schätzen gelernt. Der grosse Unterschied zu den anderen Bäumen ist, dass wir darauf warten geschnitten zu werden. Uns bereitet der Schnitt keine Schmerzen. Was müssen Laubbäume manchmal leiden, wenn Förster sie fällen. Die Laubbäume verspüren dabei sehr starke Schmerzen. Nicht jedoch wir Tannenbäume. Für uns ist es eine Ehre, wenn wir geschnitten werden. Erst so können wir hinter den vier Wänden der Menschheit unsere ganze Schönheit entfalten. Manchmal schaffen bereits kleine Tannenbäume den Sprung in das Wohnzimmer.
Nicht jedoch ich. Bisher wurde ich nur ein paar Mal von Menschen bestaunt. Mir wurde vorsichtig über die Nadeln gestrichen, meine grösseren Äste wurden ausgemessen und teilweise über die Jahre ein wenig geschnitten.
Nun erstrahle ich in schönster Form und in wunderbarem grün, dicht ist mein Nadelmantel und ich hoffe sehr darauf, dass ich dieses Jahr meinen Auftritt haben kann.
Grün steh ich da, umgeben von grün und weiss. Ja, es hat über Nacht geschneit. Wunderbar frisch ist die Luft und wunderschön ist es den Flocken dabei zu zuschauen wie sie vom Himmel fallen. Ich bin gespannt, heute wird der Förster seine Wahl treffen. Bereits in wenigen Minuten wird er hier sein, das Geräusch des Wagens ist in der Ferne bereits zu hören.
Der Förster beginnt mit seiner Arbeit, er markiert Bäume vor, neben und hinter mir. Ich werde immer nervöser, hoffe doch sehr, dass mein Leben im Wald ein Ende hat. Genossen habe ich es, doch ich fühle mich langsam alt und möchte gerne gehen.
Ich kann es kaum glauben, der Förster hat mir ein Band umgelegt. Ich werde noch heute abgesägt und jetzt werde ich erst richtig nervös. Gedanken schwirren mir wie Blitze durch den Kopf. Wie wird es weiter gehen? Wohin werde ich kommen? Stimmen die vielen Erzählungen von den anderen Tannenbäumen? Erstrahle ich heute in Glanz und Kerzenlicht? Werde ich von einer Familie besungen? Oh, ich kann mein Glück kaum fassen!
Der Förster war sehr vorsichtig. Er hat mich liebevoll gefällt, so dass mir keine Äste abgebrochen sind. Ich wurde in ein Netz verpackt und liege nun neben meinen ehemaligen WaldnachbarInnen auf dem Wagen. Es ruckelt und schüttelt, wir verlassen den mittlerweile eindunkelnden Wald.
Langsam wird es heller um mich herum, die vielen Strassenlaternen blenden in die Dunkelheit. Ich bin so gespannt wohin die Reise geht.
Für heute ist Schluss. Wir bleiben auf dem Wagen liegen und warten auf Morgen.
Bereits früh geht die Fahrt weiter. Wir sind alle sehr gespannt auf unseren grossen Auftritt.
Wir werden alle vom Netz befreit und in einen Ständer gestellt. Ich kann mich dadurch in voller Pracht präsentieren. Es geht nicht lange und ein kleiner Junge steht bei mir. Er greift meine Nadeln uns strahlt einen Herren an. „Papa, diesen Tannenbaum möchte ich haben.“, höre ich ihn sagen. Mein Herz macht Sprünge, ich werde gekauft. Von einer Familie! Dass soll gemäss Erzählungen das Schönste sein.
Erneut werde ich in ein Netz gepackt. Der Kindsvater packt mich auf die Schultern und los geht’s. Singend und hüpfend geht der Junge voran und hinterlässt kleine Fussspuren im frischen Schnee. Bereits nach kurzer Zeit werde ich in ein Haus getragen. Warm ist es hier und es riecht wundervoll.
Ich werde in einen grossen, festlich eingerichteten Raum getragen. Dort steht bereist der Ständer mit Wasser gefüllt und ich werde sanft festgebunden. Das Netz wird gelöst und erneut entfalte ich meine schöne Pracht. Ich bin fast zu hoch und fülle den Raum schön aus. Die Eltern und die zwei Kinder haben grosse Freude an mir.
Kugeln werden aus Schachteln gepackt und ich werde wunderschön dekoriert. Hier kommt die Schönheit der Tannenbäume erst richtig zur Geltung. Dafür leben wir, das ist unser Höhepunkt des Lebens, kurz bevor es zu Ende geht. Die Glücksgefühle sind kaum aushaltbar, ich fühle mich wunderschön.
Die Familie geniesst das Weihnachtsfest und ich bin der Mittelpunkt. Nach dem Essen werden an mir Kerzen angezündet, die Familie singt miteinander und Geschenke werden ausgepackt. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl Teil der Familie zu sein.
Ich kann noch ein paar Tage mit der Familie verbringen bevor ich das letzte Mal nach draussen gestellt werde. Heute kommt wieder ein Wagen, dieser wird mich mitnehmen und ich werde von der Erde gehen können. Ich fühle mich sehr glücklich, Teil eines so tollen Festes gewesen zu sein und gleichzeitig fühle ich mich sehr alt und gebrechlich. Ich bin sehr dankbar, dass mir mein Lebenswunsch erfüllt wurde und gehe zufrieden auf meinen letzten Weg.